Ganz allgemein…

… kann man sagen, dass Adoptierte und Pflegekinder in ihrer Biografie von großem seelischem Leid berichten (vor allem durch Trennungen), sequenziellem Substanzmittelmißbrauch, Suizidgefährdung und nicht ausgeschöpftem Potenzial. Nach meinen Gesprächen mit anderen Adoptierten tauchen auch Ängste jeder Form und depressive Phasen auf. Sie sind beschäftigt mit der Suche nach dem Ich, einhergehend mit Identitätsproblemen.

Sie haben mehr Schwierigkeiten als Nicht-Adoptierte, ihre eigene beständige und unverwechselbare Persönlichkeit zu entwickeln und sich selbst auszuleben. Viele von ihnen empfinden sich bis ins hohe Alter als zweitklassig. Und viele tun sich schwer mit der Liebe. Sie haben Mühe sich auf tiefe emotionale Bindungen einzulassen. Bleiben immer ein Stück entfernt und halten inneren Abstand.

Häufig haben Adoptierte ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl. Das gilt auch für erwachsene Adoptierte, die schon wenige Tage nach der Geburt adoptiert wurden und unter optimalen Bedingungen aufgewachsen sind. Die Traumatisierung der frühen Trennung von der Mutter hinterlässt Spuren, die sich tief in die Psyche eines Menschen eingraben, auch wenn er sich nicht bewusst daran erinnern kann.

In Schwellensituationen (z. B. Ausbildungs- oder Studienbeginn, Umzug in die erste eigene Wohnung) kann es zu psychischen und emotionalen Auffälligkeiten kommen, die viele Adoptierte wieder an ihre Kernproblematik eines schwach ausgeprägten Selbstgefühls und somit mangelnder innerer Stabilität bringen. Als Ursache hierfür machen Adoptionsforscher die Unfähigkeit des Kindes aus, die Trennung von der leiblichen Mutter adäquat zu verarbeiten. Kinder schaffen es nicht, sich die Trennung zu erklären und lasten sich selbst die Schuld am Weg-Gegeben-Worden-Sein an.

Durch das Her-Gegeben-Werden erfährt das Kind eine Entwurzelung. Es fehlt die Verankerung. Es braucht starke einfühlsame Adoptiv- bzw. Pflegeeltern, die das Kind immer wieder bereitwillig auffangen, trotz dass sie dabei an ihre emotionalen Grenzen kommen. Genau aufgrund dieser spezifischen Dynamiken verstehe ich Adoption als „Aufgabe“. 

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